Behandlung des Fragile-X-Syndroms mit Cannabidiol

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Das Fragile-X-Syndrom (FXS) ist eine X-chromosomal dominant vererbte Erkrankung. Es stört die Ausbildung eines Proteins, das für die Nervenreifung im Gehirn und neuronale Plastizität, also die Fähigkeit des Nervensystems, sich an Schäden und Veränderungen anzupassen, verantwortlich ist. Dies hat bei allen betroffenen Männern aber auch vielen Frauen starke Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit zur Folge. Weitere Symptome sind Angststörungen, soziale Zurückgezogenheit, autistische Störungen, Schlafstörungen, Hyperaktivität, Epilepsie, Abweichungen im Schlafrhythmus sowie häufig durchbrechende Aggressionen. Darüber hinaus führt das Syndrom zu körperlichen Auffälligkeiten wie vergrößerten Hoden und Ohren, einem verlängerten Gesichtsschädel, weicher Haut und übermobilen Gelenke.

Die konservative Therapie erfolgt symptombezogen und fokussiert sich auf die neuropsychiatrischen Beschwerden. Aufgrund der vielfältigen Ausprägungen sind pharmakologische Interventionen schwierig und erfordern den Einsatz unterschiedlicher Präparate mit Kreuznebenwirkungen und bisher eher mäßigem Erfolg sowie nicht zufriedenstellender Verträglichkeit. Aus diesem Grund wählten N. Tartaglia et al. von der University of Colorado CBD als vielversprechenden Wirkstoff, der einen Großteil der Symptome effektiv behandeln könnte. 
In Form von Fallstudien werden in dem Artikel ein Kind und zwei Erwachsene vorgestellt, die mit CBD-Dosen von 32 mg bis 64 mg oral behandelt wurden. Da die Patienten die Medikation zum Teil aus eigenem Antrieb bzw. auf Entscheidung der Eltern einnahmen, unterschieden sich die verabreichten Formulierungen deutlich. Jeweils gemeinsam war ein hoher CBD-Gehalt bei niedrigen THC-Konzentrationen in öliger Lösung.
Bei allen drei Patienten konnte eine Verringerung der sozialen Zurückgezogenheit und Angst festgestellt werden. Auch verbesserten sich Schlaf, Essverhalten, die motorische Koordination, Sprachfähigkeiten und das Verarbeiten von Sinneseindrücken. Diese Therapieerfolge ließen nach Absetzen des Medikamentes nach und besserten sich bei erneuter Gabe von CBD wieder. Das untersuchte Kind zeigte eine Verbesserung und Stabilisierung der geistigen Entwicklung, die bei FXS im Alter von 2 bis 6 normalerweise erheblich nachlässt.

Als grundlegenden Mechanismus vermuten die Autoren eine Wirkung auf das Endocannabinoidsystem, welches bei vorliegendem FXS weniger aktiv ist. Die fehlende Produktion dieser körpereigenen Botenstoffe könnte erklären, wieso eine von außen zugeführte Substanz so umfangreiche Verbesserungen erreichen kann. Auch wurde in Vorstudien mit Mäusen, die den gleichen Gendefekt aufweisen, gezeigt, dass für die Wiederherstellung der neuronalen Plastizität und Hirnreifung eine Aktivierung des Endocannabinoidsystems notwendig ist. Weiterhin kann CBD die Bindungsaffinität von GABA-Rezeptoren erhöhen und dadurch Stimmungs- und Schlafprobleme regulieren. Aktivität an Serotoninrezeptoren wird als Grundlage der anxyolytischen Wirkung vermutet.

Die Autoren sprechen selbst von einem „proof of concept“, d.h. die Studie kann als Pilotuntersuchung angesehen werden, auf welcher kommende klinische Studien basieren können. Sie empfehlen, die bisher üblichen Behandlungsverfahren beizubehalten, bis die Wirksamkeit und Verträglichkeit von CBD für Patienten mit Fragile-X-Syndrom ausreichend belegt ist.

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